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Stadtplanung und Stadtbild für die Zukunft

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Dieser Beitrag wurde 2011 im Rahmen der Projektarbeiten zum 200-jährigen Stadtjubiläum von einem ehemaligen Schüler des Graf-Zeppelin-Gymnasiums in Friedrichshafen geschrieben. Er stellt eine subjektive Vorstellung von Friedrichshafen von morgen vor.



1.Bestimmungsfaktoren für das Stadtbild von morgen

Die Stadt ist nie fertig gebaut. Das Stadtbild wird beeinflusst durch die Ziele der Stadt und den Herausforderungen unserer Zeit, wie Klimawandel, drohende Ressourcenknappheit, demographischer Umbruch und Migrationseffekte.[1]

Friedrichshafen wird von der Stadtplanung auch in Zukunft vorwiegend als Industriestadt gesehen, da diese die Stärke der Stadt ausmacht und ein Gros der Arbeitsplätze zur Verfügung stellt.[2] Zur Standortsicherung und zur Weiterentwicklung der Unternehmen sind neue Gewerbeflächen zu entwickeln und zu bevorraten. So entstehen jetzt in der Gemarkung Kluftern und Immenstaad das MWZ und eine Produktionshalle der MTU. Sehr nah an der Altstadt auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs wird es eine gewerbliche Weiterentwicklung der ZF geben. Es gilt auch für die Zukunft, Gewerbeflächen für Entwicklungen bereitzuhalten. Das gesamtstädtische aber auch das innerstädtische Bild Friedrichshafens wird auch in Zukunft große Industrieflächen aufweisen und es wird eine Herausforderung sein, diese ins Stadtbild zu integrieren. Während von nichtansäs-sigen Fachleuten die innerstädtischen Industrieanlagen als schwarze Flächen bezeichnet werden, die es teilweise zu öffnen gilt[3], sehen ortsansässige Architekten diese als Ausdruck der Funktion „Arbeit“, die zu der Stadt gehört, zumal es sich um keine schmutzige Industrie handle. Allerdings fordern auch diese eine ansprechende Architektur für die Industriebauten.[4]

Selbstverständlich wird sich auch das Bild der Innenstadt, was man landläufig als Stadtbild versteht, verändern, um deren Urbanität, Attraktivität und Funktionalität weiter zu entwickeln. Man will dadurch die Lebensqualität der Bürger erhöhen, eine stärkere Identität der Bürger mit ihrer Stadt erreichen und werbend auf Neubürger wirken. Auch für Friedrichshafen als Messe- und Tourismusstadt ist die Weiterentwicklung des äußeren Erscheinungsbildes von besonderem Wert. Mit 500.000 Übernachtungen und ca. 3 Millionen Tagesgästen ist der Tourismusfaktor ein durchaus wichtiges wirtschaftliches Standbein für Friedrichshafen.[5] Da ein absolutes Bevölkerungswachstum in Deutschland nicht zu erwarten ist, ist ein attraktiver Wohnstandort in der Konkurrenz zwischen Städten und Regionen um die Ansiedelung von qualifizierten Arbeitnehmern sowie jüngeren Familien mit Kindern besonders wichtig. Im Gegensatz zu vielen deutschen Klein- und Mittelstädten kann Friedrichshafen bis 2015 aufgrund von Zuwanderungen (geschätzt ca. 220 Personen pro Jahr)[6] noch mit einem moderaten Bevölkerungszuwachs rechnen.


Die Innenstadt soll der Ort für Wohnen, Arbeiten, Versorgung sowie für Kultur, Handel, Bildung und Freizeit sein. Seit einiger Zeit wird ein zunehmendes Interesse am Wohnen in der Stadt beobachtet.[7] So beantworteten auch 35 % der in einer kleinen Umfrage Befragten, dass sie gerne zentrumsnah wohnen würden. Diese Entwicklung führt zu einer besseren Durchmischung und Lebendigkeit der Stadt, gerade auch nach Ladenschluss. Außerdem bringt es ökologische Vorteile, da der Zersiedelung der Landschaft entgegengewirkt wird und die Stadt der kurzen Wege Energieersparnisse bringt. Nachholbedarf besteht in Friedrichshafen auch im Einzelhandelsbereich und der Gastronomie. So sehen es auch viele Befragte, wenn sie eine andere Stadt der Region vorziehen, weil sie dort bessere Einkaufsmöglichkeiten finden. Bei den laufenden und zukünftigen Bauprojekten ist dieser Nutzungsvielfalt Rechnung zu tragen und Potential für bisher fehlende oder zu schwach ausgeprägte Nutzungsformen zu schaffen.


2. Mögliche städtische Entwicklungsprojekte für die Zukunft

Im gesamtstädtischen Bild geht es im Rahmen der Stadtplanung darum, attraktive Wohnungsstandorte zu ermöglichen. Aktuell wird in Fischbach in Buchschach oberhalb der Dornierstraße auf rund 9.000 Quadratmetern ein familiengerechtes, kostengünstiges und energieoptimiertes Wohnmodell mit ca. 27 Reihenhäusern und einem Mehrgenerationenhaus mit 11 Wohneinheiten geschaffen werden.[8] Weitere Neubaugebiete sind in Ailingen, im Oberhof III und in Kluftern ausgewiesen.[9]

Weiterentwickelt wird auch das Gebiet Fallenbrunnen. Hier soll ein Wissenspark für die Zeppelin Universität und die Duale Hochschule entstehen sowie Raum für studentisches Wohnen, Kultur und innovatives Gewerbe, das Bezug zur Hochschule hat. Auch der Sportpark neben der Arena mit Hallenbad, evtl. Taekwondozentrum und Eislaufhalle soll demnächst in Angriff genommen werden. Zu den innerstädtischen Projekten, die unmittelbar das Stadtbild verändern werden, zählen der bereits auf dem Gelände der alten Polizeiwache im Bau befindliche Komplex mit Wohnungen und Gewerbeflächen im Erdgeschoss. Durch diese hohe Bebauung finde ich die Wirkung des in der Wiederaufbauzeit bewusst geschaffenen Orion-Hochhauses als „städtebaulichen Solitär“ stark beeinträchtigt. (Mai 2011)


In dem angrenzenden Gebiet der Metzstraße/Eckenerstraße soll ebenfalls ein ganz neues Quartier mit multipler Nutzung entstehen. Eine Besonderheit ist, dass eigentumsübergreifende Lösungen angestrebt werden. Von besonderer Bedeutung für das Erleben der Stadt soll eine Brücke für Fußgänger und Radfahrer sein, die die Nordstadt mit der Altstadt verbindet und wie früher die alte Bahnhofsstraße über die Schneiße der Eckenerstraße (B31) hinweg führt. Auch hier ist zu sehen, dass sehr viel mit Glasfronten gearbeitet werden wird. Da diese energetisch dem Mauerwerk nicht mehr nachstehen, lassen sich Ökologie mit Licht, Luft, Sonne und Ausblick gut verbinden, so dass wahrscheinlich wei-tere Fronten dieser Art im zukünftigen Stadtbild entstehen werden. Große Projekte sieht die Stadtplanung etwa in der Friedrichstraße, die während der nächsten Jahrzehnte aufgewertet werden soll. Die ursprünglich als Flaniermeile angelegte Straße ist heute eine wenig attraktive Geschäftsstraße, die vom Trading Down Effekt, also von Leerständen oder sinkender Qualität der Geschäfte (Kebabläden, Imbissstuben, Matratzengeschäft usw.), gezeichnet ist. Die Gehwege sind zu schmal und der Verkehr zu hoch. Für die schön gelegene und durch jeweils ein Hochhaus begrenzte Straße werden seitens der Stadtplanung derzeit interne Entwürfe für eine Rahmenplanung zur Neugestaltung des gesamten Quartiers erarbeitet.


Attraktiver will man auch den Uferpark, die Promenade und die Seestraße gestalten. Der erste Eindruck Friedrichshafens von der Seeseite her ist eine Ufersilhouette, die keiner einheitlichen Baulinie folgt und z. T. wenig attraktive Bausubstanz aufweist. Hier will die Stadt auf Entwicklung hinwirken. Die Uferpromenade zählt zu den längsten am Bodensee, doch das Kapital des Bodensees wird noch zu wenig genutzt. Da der Erlebnisaspekt im Vergleich zum reinen Versorgungsaspekt in der Innenstadt immer mehr in den Vordergrund tritt,[10] will man den Bodensee stärker ins öffentliche Leben integrieren. Durch weitere Sitzstufen könnte der Zugang zum See erleichtert werden. Ideen sind auch, dass der See in der zweiten Reihe, also in der Karlstraße, mehr zu spüren wäre. Kleine Gässchen oder Durchgänge, auch z. B. durch Cafés, wären wünschenswert.


Aufgrund des fehlenden Wachstums ist die Bautätigkeit auf einzelne Lücken (Nachverdichtung) oder Umnutzung minderbebauter Areale begrenzt. Im Zentrum bei der Nikolauskirche steht das Zollgebäude für eine Veränderung an. Wie das Areal zukünftig aussehen könnte, ist völlig offen. Auf jeden Fall sollte man bei einem evtl. Neubau die Be-deutung der Nikolauskirche nicht beeinträchtigen. Gewinnen könnte die Altstadt auch durch den Rückbau der Gleise zum Hafenbahnhof. Von der Stadtplanung wird dies aber nicht ins Auge gefasst, da dies eine wichtige und häufig genutzte Verbindung zur Altstadt und in die Schweiz ist.


In der Nordstadt (hinter dem Bahnhof) westlich des Franziskuszentrums befindet sich zwischen Eugenstraße und Olgastraße das Bahngelände, das vorwiegend als Depot und Wartungsraum für Bus- und BOB-Bahn genutzt wird. Hier wäre Raum für Wohnungen, Gewerbe, aber auch Raum für Erweiterungen von sozialen Einrichtungen des benachbarten Franziskuszentrums. Allerdings steht zum jetzigen Zeitpunkt nicht fest, ob das Gelände von der Stadt überhaupt erworben werden kann.


Ein noch zu entwickelndes Filetstück ist der Hintere Hafen. Zwischen Zentralem Omnibusbahnhof (Romanshorner Platz) bis zum Ruderclub findet man in bester Lage Friedrichshafens eine Hinterhofsituation mit Abstell- und Lagerflächen, Parkplätzen sowie eine Werftanlage, die auf Fußgänger wie eine Barriere wirkt. Hier sind Potenziale, die Stadt zu revitalisieren und das Image und das Bild der Stadt zu verbessern. Denkbar sind neue Wohnformen am Wasser, Handel, Dienstleistungen, aber auch Einrichtungen für Kultur und Kunst als Ergänzung zum Zeppelin-Museum. Das Hafenbecken soll umgestaltet werden. Da mittlerweile feststeht, dass die Werft hier bestehen bleiben soll, gilt es diese besser zu integrieren. Eine gläserne Produktion wäre denkbar, um die Technik, als zentrales Thema für Friedrichshafen aufzugreifen und nach außen sichtbar zu machen.[11] Die Leiterin des Zeppelin-Museums, Dr. Ursula Zeller; sieht in diesem Areal die Möglichkeit, ein identitätsstiftendes architektonisches Wahrzeichen Friedrichshafens zu schaffen, das funktional so zu sehen wäre, wie die Oper von Sydney für Sydney [12].[12] Dagegen sieht die Stadtplanung städtebauliche Akzente hier weniger interessant als an zentraleren Orten. Denkbar wäre als Abschluss dieses Neubaugebietes das angrenzende Landschaftsschutzgebiet als östlichen Uferpark und als Pendent zu dem westlichen Uferpark aufzunehmen.


Literatur

  1. Vgl. Bund deutscher Architekten (BDA): Auf der Suche nach unserer Herkunft
  2. Vgl. Sauter, Klaus (Amt für Stadtplanung): Interview vom 01.04.2011.
  3. Vgl. Sieverts, Thomas: Die Identität ist ein lebendiges Technikmuseum. In FN 2020; Gedanken von heute über Morgen, S. 15.
  4. Vgl. Fritz Hack (freier Architekt): Interview vom 06.04.2011.
  5. Vgl. Goldschmidt, Thomas: Interview vom 31.03.2011.
  6. Vgl. Klaus Sauter: 200 Jahre Stadtplanung. Vortrag vom 10.11.2010.
  7. Vgl. Fritz Hack: Interview vom 06.04.2011.
  8. Vgl. Südkurier: Wohnen für junge Familien.
  9. Vgl. Klaus Sauter: Interview vom 01.04.2011.
  10. Vgl. Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung: Aktive Stadt- und Ortsteilzentren. Das Zentrenprogramm für Städtebauförderung.
  11. Vgl. Klaus Sauter: Interview vom 01.04.2011.
  12. Vgl. Ursula Zeller: Die Stadt braucht mehr Leuchttürme. In: FN 2020; Gedanken von heute über Morgen, S. 29.



Projektarbeiten des Graf-Zeppelin-Gymnasiums zum Jubiläum 200 Jahre Friedrichshafen





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