modified on 2. Mai 2010 at 10:57 ••• 3.611 views

Pfarrkirche St. Gangolf

Aus Bürgerwiki Bodensee

Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Die Kirche St. Gangolf in Kluftern

Die Kirche St. Gangolf, am Rathausplatz gelegen, markiert die historische Keimzelle Klufterns, erstmals urkundlich im Jahr 764 n. Chr. bezeugt. 764 begibt sich Theotram, der Besitzer des Hofgutes Kluftern, durch einen Schenkungsvertrag mit dem starken Kloster St. Gallen in dessen Schutz, bewirtschaftet aber weiterhin den Hof als Lehen.

Die älteste Urkunde, in der die Kapelle des Hofes erwähnt wird, stammt aus dem Jahre 1275. Die Pfarrei Kluftern wurde erstmals 1275 erwähnt. Ihr Sprengel umfasste nur einen Hof, die übrigen Häuser des Ortes waren nach Bermatingen eingepfarrt.

Nach einem Um- oder Neubau erfolgte 1474 die Weihe der Kirche zu Ehren der Jungfrau Maria und des hl. Gangolf durch den Konstanzer Weihbischof und Generalvikar Daniel Zehnder.

1577-1629 war Matthias Schwarz Pfarrer für die Orte Kluftern, Lipbach und Efrizweiler, die zu den Pfarrsprengeln Bermatingen und Oberteuringen gehörten.

1616 erwirkte der Inhaber der Herrschaft Efrizweiler, Wolfgang von Ratzenried, die Zusammenfassung der drei Orte zu einer erweiterten Pfarrei Kluftern, die 1626 vollzogen wurde. Ratzenried finanzierte die erforderliche Vergrößerung der Pfarrkirche, die am 21.11.1627 mit Hochaltar und zwei Seitenaltären neu geweiht wurde. Der Turm blieb zunächst unvollendet und wurde erst Ende des 17. Jahrhunderts fertiggestellt. Der barocke Charakter der Kirche ist in der Ausstattung trotz mancher Änderungen erhalten.

1972 wurden das alte Pfarrhaus und die Sakristei abgerissen. Im Frühjahr 1973 begann man mit dem Anbau einer neuen zeltförmigen Kirche, in der die Gemeinde am 22.12.1974 erstmals den Gottesdienst feiern konnte.

1975-1978 erfolgte eine Restaurierung der alten Kirche, wobei der Kirchturm seine ursprüngliche runde Zwiebelform zurückerhielt; am 18.6.1978 fanden die Baumaßnahmen mit der Weihe der vergrößerten Kirche ihren Abschluss.

K-Kluftern Kirche0006 red.jpg

Wer die Kirche St. Gangolf in Kluftern durch den modernen Haupteingang betritt, ist angenehm überrascht. Der Besucher erblickt links den großen Kirchenraum des sachlichen Neubaus, fertig gestellt 1974, und rechts die farbenprächtige kleine Barockkirche aus dem 17. Jahrhundert. Die Verknüpfung dieser beiden Gotteshäuser ist hervorragend gelungen.

Die neue Kirche

K-08Innenaufn 19 red.jpg

Die neue Kirche mit ihrem quadratischen Grundriss hat die Form eines Zeltes - „das Zelt Gottes unter den Menschen". Die umlaufende Fensterreihe (wie ein Lichtband) erzeugt das Gefühl der Leichtigkeit, mit der sich das Zeltdach über dem Kirchenraum erhebt. Im Altarbereich sorgt indirektes Licht für eine zusätzliche Ausleuchtung, durch die der Altar hervorgehoben wird.

Die Ausstattung der neuen Kirche ist eine gelungene Mischung von modernen, abstrahierenden Bildhauerarbeiten des Schonacher Künstlers Klaus Ringwald (Tabernakel, und Apostelleuchter) und Skulpturen aus der Spätgotik und dem Barock.

Der Altarraum

Der kräftige Steinaltar mit den Reliquien des hl. Urbicus und der hl. Virginia ist ein Symbol für Jesus Christus (fünf Kreuze in der Altarplatte symbolisieren die fünf Wundmale). Er stellt die geistige Mitte der Kirche dar.

Über dem Altar hängt scheinbar frei schwebend ein großes Holz-Kruzifix (Südtirol, 15. bis 16. Jh.).

K-k-10Altarkreuz 05 ausschnitt jpg.jpg

Auf der durch eine Stufe angehobenen Altarinsel befinden sich auf der linken Seite der Tabernakel, auf dessen Vorderseite das Wasser des Lebens, links der brennende Dornbusch, rechts der Baum des Lebens, also das Leben in seiner Vielfalt und Reichhaltigkeit dargestellt ist.

Im Altarraum befinden sich zwei Heiligenfiguren: Links Johannes der Täufer, der auf den Altar hinweist. Er wurde auf dem Dachstuhl der Barockkirche gefunden und könnte aus der Werkstatt von Christoph Daniel Schenk (* um 1633 in Konstanz; † 1691 in Konstanz) stammen.
Rechts steht Christophorus, geschaffen von Holzschnitzer Wendelin Hammerer aus Egg im Bregenzer Wald im Jahre 2000.

Im Kirchenraum

Es folgen an den Wänden die Statue des hl. Gangolf - unseres Kirchenpatrons, als Ritter, sowie eine barocke Darstellung des Volksheiligen Antonius von Padua (symbolisiert durch Franziskaner Habit, Bibel und Jesuskind).
Links vom Altarraum steht eine Marienfigur, welche die Muttergottes mit dem weltlichen Attribut der Krone als Königin im Himmel darstellt. Es folgt im hinteren Teil Figur der Maria Magdalena aus dem Barock und eine Figur des hl. Laurentius.

Im Durchgang zur alten Kirche befindet sich eine spätgotische Pietà (ca. 1380), die über Jahrhunderte in einem Bildstock in der Gemeinde von der Gnade Gottes kündigte.

K-k-13bPieta 09 jpg.jpg


Die Barockkirche

An der Kirche St. Gangolf (1) aus dem Jahre 1627 sind alle Modewellen späterer Stilepochen wie Klassizismus, Neugotik und Moderne vorbeigezogen. Kluftern fehlte einfach das Geld für Umbauten. So betritt der Besucher eine barocke Dorfkirche in ihrem ursprünglichen Glanz. Als nach dem 2. Weltkrieg die Einwohnerzahl Kluftern stark anstieg, wurde der Bau einer neuen Kirche notwendig, die ohne die alte Barockkirche zu stören an diese angefügt ist.


Der Bau

Die Ära der Barockkirche beginnt mit Wolfgang von Ratzenried. Er verhandelte 10 Jahre zäh mit dem bischöflichen Ordinariat in Konstanz, bis er 1626/27 per bischöflichem Dekret die Genehmigung einer eigenständigen Pfarrei für Kluftern und Efrizweiler erhielt.
Mitten im Dreißigjährigen Krieg begann der Ratzenrieder 1626 mit dem Bau der Kirche, der Ende 1627 unter teilweiser Verwendung der alten Kapellenmauern vollendet wurde. Die Kluftinger Bürger leisteten wertvolle Handarbeit beim Kirchenneubau. Wolfgang von Ratzenried schrieb: „ dass sie ihren armen Schwaiß, harte Mühe und Arbeit unverdrossen dargespannt hätten“.

Geschaffen wurde ein einschiffiges Langhaus mit fünfseitigem Chor und einem auf der Südseite ein wenig ins Langhaus eingerückten Turm.

Wolfgang von Ratzenried starb völlig verarmt am 15. November 1636 in seinem Schloss in Efrizweiler und wurde in der St. Gangolf Kirche beigesetzt. Links neben dem barocken Hochaltar befindet sich sein sehenswertes Steinepitaph. Rechts unten eingemeißelt sind zwei Prunkhelme und das geviertelte Wappen der Ratzenrieder mit den drei Hunden. Die Linie von Ratzenried ging im 14. Jahrhundert aus dem Ravensburger Kaufmannsgeschlecht der Humpis (Hundbiss) hervor, das in seinem Wappen drei weiße Hunde führt.

K-Foto 4 Epithaph Kirche St. Gangolf.jpg
Epitaph des Kirchenstifters (1627) Freiherr Wolfgang von Ratzenried

K-Foto 2 b Kirche 0011.JPG
Kirche St. Gangolf (Sicht auf die alte Barock-Kirche)

Der Chorraum

Vom Schiff blickt man durch einen Rundbogen zum Chor und auf den barocken Hochaltar. Er stammt aus der 1818 abgebrochenen Pfarrkirche St. Maria in Altdorf (Weingarten). Er konnte von der ehemaligen Mutterkirche Bermatingen erworben werden.

K-Foto 3 Gangolf2005 0308AR.JPG
Innenansicht der Barockkirche mit Blick zum Altar

Nach seiner Renovation hat der Taufstein, der möglicherweise schon 1627 Teil der Erstausstattung der Kirche war, einen würdigen Platz mitten im Chor gefunden.

Links oben auf einem Sims stehend befinden sich vier Statuetten (von links nach rechts die Heiligen Wendelin (mit der Kuh), Ritter Gangolf, Patron dieser Kirche, Augustinus (mit dem Herz) und Dominikus (mit der Weltkugel)), um 1750 von Dominikus Hermenegild Herberger, Immenstaad, geschaffen. Das große Tafelbild daneben überdeckt die vermauerte Öffnung der ehemaligen Herrschaftsloge.

Die farbigen Fenster von Lütz & Elmpt, Glasmalerei Konstanz, mit dem hl. Laurentius (linke Chorseite) und hl. Gangolf (rechte Chorseite) wurden 1904 von Bürgern aus Kluftern, Efrizweiler und Lipbach gespendet.


Das Langhaus

Im Langhaus zieht die reich ausgestattete, in kräftigen Farben glänzende Rokoko-Kanzel aus dem frühen 18. Jh. die Blicke auf sich. Sie stammt aus dem 1792 aufgehobenen Kloster der Franziskanerinnen in Weppach oberhalb von Bermatingen und wurde 1822 erworben.

K-k-03Kanzel 05 red.jpg


Der rechte Seitenaltar ist dem Kirchenpatron St. Gangolf gewidmet. Das St.-Gangolf-Gemälde (18. Jh.) zeigt unten rechts die alte Klufterner Kirche mit Zwiebelturm und dem 1851 aufgelassenen Friedhof.

Das Kruzifix an der Südwand wurde vermutlich 1648 gestiftet. Links unter dem Kreuz sehen wir eine Figur der Mutter Maria, weinend mit einem Tüchlein, rechts den Apostel Johannes.


Im hinteren Bereich der Kirche befindet sich ein Kreuzweg von 1905 im Stil der Neu-Renaissance aus der Werkstatt des Holzschnitzers Ferdinand Perathoner aus St. Ulrich im Grödnertal/Südtirol.

K-Foto 5 Gangolf2004 0421AH.jpg
Geschnitzte Kreuzweg-Tafeln (Tirol 1905)

Literatur

  • Arbeitskreis Heimatgeschichte Kluftern e.V. (Hrsg.): „Die Kirche St. Gangolf in Kluftern“ (Kirchenführer), Verlag Josef Fink, 2009, ISBN 978-3-89870-556-1.

Quellen und Verweise

8.01 Kath. Pfarrkirche St. Gangolf.jpg

  • „Die Kirche St. Gangolf in Kluftern“ (Kirchenführer), Verlag Josef Fink, 2009, ISBN 978-3-89870-556-1, Herausgeber: Arbeitskreis Heimatgeschichte Kluftern e.V., Verfasser: Bernd Caesar und Klaus Wessenberg
    Fotos: entsprechend ihrer Reihenfolge im Text
    Foto 1 und 5: Bernd Caesar;  Foto 6, 8 und 9: Klaus Wessenberg; alle anderen Fotos:  Fotograf Erwin Reiter, Haslach





Whos here now:   Members 0   Guests 0   Bots & Crawlers 1