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3. Wie lief der Besuch der Kinder bei den Schweizer Familien ab? (Am Beispiel der ersten Schweizer Kinder)

Aus Bürgerwiki Bodensee

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3.1 Die Reise in die Schweiz

Am 10. November 1946 war es nun so weit: 606 Kinder aus Friedrichshafen machten sich auf in Richtung Schweiz. Ihre Reise begann am Hafen. Der weitgehend zerstörte Hafenbahnhof und die zerschossene Westmole, sowie die in Tarnfarben bemalten Schiffe gaben ein tristes Bild, was die Freude der Kinder auf diesen Tag aber nicht im Geringsten minderte.[1] Nur an diesem Tag sollte es anders sein. Die Familien brachten ihre Kinder zum Hafen, wo bereits das Schweizer Ausflugsschiff „Thurgau“ auf die Kinder wartete.[2] Unter großem Gejohle und Gewinke legte es ab, wobei es kein Kind versäumen wollte, noch ein letztes Mal seinen Eltern zu grüßen. Schon hier auf dem Schiff wurden die Kinder mit allerlei Köstlichkeiten versorgt. So wurden weiße Brötchen oder knusprige Hörnchen mit Kakao gereicht.[3] Durch diese Verpflegung verging die mehrstündige Fahrt für die Kinder wie im Flug und das erste Ziel, der Romanshorner Hafen, war schnell in Sichtweite. Dort angekommen begab sich die Hälfte der Schülergruppe mit dem Romanshorner Pfarrer Pfenninger von Bord. Der andere Teil der Gruppe setzte seine Reise in Richtung Arbon fort. In Arbon folgte die Abteilung der Führung von Lehrern, Stadtpfarrer Schmid und Herrn Heussler, dem Direktor der Zahnradfabrik zur Arboner Kirche. Zusammen erklommen sie den Kirchberg, von welchem sie helles Glockengeläut empfing. In der Kirche angekommen folgte ein Gottesdienst, in welchem Pfarrer Rohrer die Kinder begrüßte und Pfarrer Schmid ein Dankeswort an die Gastfamilien richtete.[4] Nach dem Gottesdienst strömte die Kinderschar samt der Gastfamilien vor die Kirche. Hier wurden die Häfler Buben und Mädchen auf Grund der Nummer auf ihrem Schild, das um ihren Hals baumelte, zu ihren Gastfamilien verteilt.[5]


3.2 Der Besuch bei den Schweizer Familien

Nun begleiteten alle Kinder ihre Gastgeber zu deren Zuhause, wo ein reichhaltiges Mittagessen auf die unterernährten Kinder wartete. Während des Essens erzählten die Gäste ihren erstaunten Gastgebern, wie sich ihr Alltag im zerbombten Friedrichshafen gestaltete. So sorgten vor allem die Restriktionen unter der französischen Besatzung, aber auch der trotz des Krieges unverbrauchte Lebensmut der Kinder für Erstaunen. Einige Gastfamilien nahm das Schicksal der Kinder so sehr mit, dass sie mit ihnen in die Innenstadt zurückkehrten um ihnen neue Kleidung und Schuhe zu kaufen. Dies war aber natürlich nicht allen Gastfamilien möglich, da sich selbst ärmere Familien von dem Schicksal der deutschen Kinder berührt fühlten und sie sich trotz ihrer eigenen finanziellen Notlage dazu bereit erklärt hatten ein Kind aufzunehmen. Doch auch diese Familien fanden alte, abgelegte Kleider ihrer Kinder, welche sie ihren kleinen Gästen schenkten. Die Kinder empfanden diese Kleider aber keineswegs als minderwertig, schließlich waren ihre eigenen Kleider und Schuhe mehrfach gestopft und genäht worden.


Den Familien blieb kaum Zeit, den Kindern Kuchen von der Kaffeeplatte anzubieten, denn die Rückfahrt nach Hause war bereits auf 16.30 angesetzt.[6] Der Abschied war nahe, weshalb die Gastfamilien begannen, ihren bereits jetzt ans Herz gewachsenen Buben und Mädchen Geschenkpakete zu packen.[7] Hier fanden Schweizer „Schocki“, Süßigkeiten, Kleidung, aber auch Spielsachen oder allerlei nützliche Dinge, wie Nähgarn für die Mutter oder Fett zum Kochen und Braten Platz. Diese Dinge wurden dem Kind meist in einem gut verschnürten Schuhkarton auf dem Weg zurück zum Hafen übergeben.[8] Der Kinder waren begeistert, schließlich hatten ihre Gastfamilien sie „mit großer Liebe bewirtet und reichlich beschenkt“.[9]


3.3 Der Abschied und die Rückkehr nach Hause

Viel zu schnell kam sowohl für die Kinder aus Friedrichshafen aber auch für die Gastfamilien der Augenblick des Abschieds. Einen viel zu schönen Tag hatten beide Seiten erlebt, als dass sie den Anderen einfach so verlassen konnten. Neben dem Gastgeschenk wurden meist die Postadressen ausgetauscht, um den Kontakt weiterhin waren zu können.[10] Doch auch dies änderte nichts daran, dass die Kinder wieder in die „Thurgau“ steigen mussten, um den Weg auf die andere Seite des Sees anzutreten. Dies führte mancherorts zu Tränen in den Gesichtern der Gasteltern und Kinder, schließlich hatten beide einen Tag erlebt, der allen noch lange in Erinnerung bleiben sollte. So ließen es sich einige Familien nicht nehmen das Schiff mit ihrem Ruder- oder Segelboot weit hinaus auf den See zu begleiten.


Doch bevor das Schiff ablegen konnte, war es an Pfarrer Schmid, den Zollbeamten zu überzeugen, ein Auge zuzudrücken. Dieser hatte schließlich auch erkannt, dass die Kinder, die mit geflickten Hosen und Schuhen in Arbon ankamen, mit neuer oder nur leicht gebrauchter Kleidung die Rückkehr antraten. Doch auch der Zollbeamte musste erkennen, dass er dieser einzigarten Geste von Gastfreundschaft und Nachbarschaftshilfe nicht im Weg stehen konnte und ließ das Schiff ohne Auflagen auslaufen.[11] Damit stand der Rückfahrt nichts mehr im Weg und das Schiff verließ den Hafen um die anderen Kinder im Romanhorner Hafen abzuholen und später den heimischen Hafen anzusteuern. Auch diese Fahrt verging für die Kinder wie im Flug, denn sie konnten den anderen Kindern ganz genau erklären, warum ihre Gastfamilie die mit Abstand beste gewesen sein musste. Am Heimathafen angekommen berichteten die Kinder natürlich auch ihren warteten Eltern von ihrem außergewöhnlichen Ausflug.[12]


Dieser Tagesausflug war der Anfang für eine Reihe weiterer Einladungen Schweizer Gemeinden an Kinder aus vielen verschiedenen Städten und Dörfern rund um den Bodensee. Hier kamen auch die Kinder aus katholisch-gläubigen Familien zum Zug, die ihrerseits von Familien katholischer Kirchengemeinden eingeladen wurden. Nach Friedrichshafen waren die Seegemeinden Langenargen und Lindau an der Reihe.[13] Später kamen sogar die Kinder aus dem Bodenseehinterland zum Beispiel aus Ravensburg und Wangen in den Genuss der Schweizer Gastfreundschaft. Ihr Besuch gestaltete ähnlich wie die der ersten Schweizer Kinder, abgesehen von der Fahrt auf der Transportfläche einiger LKW, die die Kinder an den Bodensee und zurück in ihre Heimatstädte brachten. [14]

Quellen und Verweise

  1. Vgl. Interview mit Kurt Linse.
  2. Vgl. Bild: Nagler, Hildegard, Das Wunder einer Reise-Die Schweizer Kinder und ihre Fahrt ins Märchenland, Juni 2003, S. 106.
  3. Vgl. Nagler, Hildegard, Das Wunder einer Reise-Die Schweizer Kinder und ihre Fahrt ins Märchenland, Juni 2003 S. 108-109.
  4. Vgl. Schwäbische Zeitung am Dienstag, den 12. November 1946 „Friedrichshafen, Tettnang und der Bodensee – Eine Tagesfahrt in die Schweiz“
  5. Vgl. Interview mit Kurt Linse.
  6. Vgl. Schwäbische Zeitung am Dienstag, den 12. November 1946 „Friedrichshafen, Tettnang und der Bodensee – Eine Tagesfahrt in die Schweiz“
  7. Vgl. Bild: Nagler, Hildegard, Das Wunder einer Reise-Die Schweizer Kinder und ihre Fahrt ins Märchenland, Juni 2003, S. 131.
  8. Vgl. Interview mit Kurt Linse.
  9. Zitat: Schwäbische Zeitung am Dienstag, den 12. November 1946 „Friedrichshafen, Tettnang und der Bodensee – Eine Tagesfahrt in die Schweiz“
  10. Vgl. Interview mit Kurt Linse.
  11. Vgl. Nagler, Hildegard, Das Wunder einer Reise-Die Schweizer Kinder und ihre Fahrt ins Märchenland, Juni 2003 S. 69.
  12. Vgl. Bild: Nagler, Hildegard, Das Wunder einer Reise-Die Schweizer Kinder und ihre Fahrt ins Märchenland, Juni 2003, S. 153.
  13. Vgl. Nagler, Hildegard, Das Wunder einer Reise-Die Schweizer Kinder und ihre Fahrt ins Märchenland, Juni 2003, S. 110.
  14. Vgl. Nagler, Hildegard, Das Wunder einer Reise-Die Schweizer Kinder und ihre Fahrt ins Märchenland, Juni 2003, S.116.



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